Einleitung

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Primäre Psora – Leitmotiv

Ablehnung einer menschlichen Daseinsbedingung, Anspruch an Vollkommenheit in diesem Bereich

Jedem Menschen sind eine Vielzahl von Pflichten und Einschränkungen auferlegt: Die Auseinandersetzung mit dem Körper, die tägliche Arbeit, die Sorge um die Familie, die Beziehung zum Mitmenschen, die Fragen nach dem Sinn von Leben, Krankheit und Tod usw. halten ihn ein Leben lang in Atem.

Dort, wo der Mensch sich nun am meisten gegen sein Schicksal empört, wo er es nicht recht findet, ausgerechnet mit dieser Aufgabe betraut worden zu sein, verbirgt sich seine Ablehnung: Diese Bedingung des Menschseins, diese Conditio humana will er nicht akzeptieren.

Umgekehrt hat er vom gleichen Bereich eine Vollkommenheitsvorstellung. In seinem Inneren trägt er die Idee von einer heileren Welt, er weiss zutiefst, wie er sein Dasein verbessern würde, wenn es denn in seiner Macht stünde.

Verlust

Die logische Folge des zu hohen Anspruchs an einen bestimmten Bereich des Menschseins ist ein Gefühl von Nichtgenügen oder Verlust. Was immer der Mensch anstrebt, wie sehr er sich auch bemüht — das Resultat wird ihm nie vollkommen erscheinen und er kann in diesem speziellen Gebiet keine Befriedigung erfahren.

Besonders wertvoll für die Suche nach dem Grundproblem des Arzneimittels oder des Patienten sind Verlust-Empfindungen, die der Realität nicht angemessen sind. So kann jemand das Gefühl haben, nie einen passenden Partner zu finden — wenn wir aber nachfragen, stellt sich heraus, dass er eigentlich recht zufrieden verheiratet ist. Ein anderer Patient glaubt, nicht richtig sprechen zu können und klagt darüber, wie er immer nach Worten ringen müsse — in der Anamnese erleben wir ihn aber durchaus wortgewandt.

In einem späteren (egolytischen) Stadium der Pathologie kommt es immer mehr zu realen Verlusten oder Dysfunktionen genau dort, wo die Vollkommenheitsvorstellung besteht. In dieser Phase sind die Symptome aber nur noch wenig individuell ausgeprägt — oft versagen die Sinneskräfte, die Gedanken verwirren sich, die Bewältigung des Alltags gelingt nicht mehr, usw. — weshalb sich Teile der "Verlust-Kapitel" ähnlich lesen.

Strafe

Offenbar ist es der menschlichen Psyche tief eingeprägt, dass sie für ihre Hybris, für ihren Vollkommenheitsanspruch, eine Bestrafung erwartet.

Nehmen wir an, jemand strebe nach einer vollkommenen Liebesbeziehung. Dieser Mensch will also etwas, was nicht zu haben ist und erlebt folgerichtig in dem Bereich immer eine Frustration, oder wie oben erwähnt ein Nichtgenügen, ein Verlustgefühl.

Seine Furcht, für den überhöhten Anspruch bestraft zu werden, kann sich nun verschieden äussern: Entweder hat er Angst, auf andere Menschen zuzugehen, weil er weiss, dass keine reale Beziehung seinem Liebes-Ideal genügen kann. Oder er fürchtet, selber die Ansprüche seines Partners nicht erfüllen zu können. Oder er leidet tausend Qualen, weil er fürchtet, den einmal gefundenen Partner gleich wieder zu verlieren.

In der aktuellen Überarbeitungsform (publiziert ab 2013) verzichten wir darauf, das Verlust-Erleben und die Furcht vor Strafe in eigenen Kapiteln darzustellen. Um einer besseren Lesbarkeit willen sind sie integriert in die Beschreibung des sekundärpsorischen Leidens. Die Symptome, die auf Verlust- oder Straf-Erleben hinweisen, zeigen sich ohnehin als Leidensmomente. Es fällt in der neuen Form auch leichter, sich das Beschwerdebild eines Menschen konkret vorzustellen.

Fokus der inneren Aufmerksamkeit

Wenn wir uns den „Knick in der Optik“ wie in der obenstehenden Grafik bildlich vorstellen, sehen wir, dass in dem Bereich, wo der „innere Suchscheinwerfer“ hinfällt, besonders grosse Aufmerksamkeit liegt. Hier befindet sich der empfindlichste Punkt wo der Mensch „allergisch“ reagiert, dort fühlt er sich immer unmittelbar betroffen, gekränkt, aufgewühlt.

Ein Mensch, der sich eine Vollkommenheit in der partnerschaftlichen Liebe wünscht, reagiert z.B. das erste Mal in der Pubertät, dann bei jeder Zurückweisung oder Enttäuschung, vielleicht sogar bei der Lektüre von Groschenromanen. Ereignisse, die anderen Menschen banal vorkommen, machen dieses Individuum betroffen, vielleicht sogar körperlich krank, weil seine primäre Psora gereizt wurde.

Einführung: Miasmatische Dynamik

Nach der Erstellung einer Themenliste werden in einem zweiten Bearbeitungsschritt die vorsortierten Symptome nach neuen Kriterien geordnet. Um zu verstehen, auf welche Weise dies geschieht, bedarf es eines kurzen Ausflugs in die Geschichte und Philosophie der Homöopathie:

Hahnemann postuliert in seiner Miasmen-Theorie in den "Chronischen Krankheiten" eine Urkrankheit des Menschseins, die so genannte Psora. Diese Idee einer "primären Ursache" für Krankheit und Leiden ist auch in anderen philosophischen oder religiösen Systemen bekannt, man denke etwa an die christliche Erbsünde. Später ergänzte Hahnemann zwei weitere Miasmen, nämlich Sykosis und Syphilis, in jüngerer Zeit wurden von anderen Homöopathen etliche weitere Miasmen postuliert.

Hahnemann nutzte die weiteren Miasmen, um körperliche Krankheitsverläufe und bestimmte psychische Verhaltensweisen zu klassifizieren. "Sykotische" oder "syphilitische" Symptome beschreiben eine dynamische Entwicklung im Krankheitsprozess, der dramatischer, ernster, und schwerer therapierbar wird. Er wandelt sich von der funktionellen Störung (Psora) zur Wucherung (Sykosis) und schliesslich zur Läsion (Syphilis).

Masi-Elizaldes grosses Verdienst ist die Entdeckung, dass sich eine vergleichbare Dynamik auf der psychischen Ebene des Menschen abspielt. Einer "Urschuld" (der so genannten primären Psora) begegnet der Mensch in einer ersten Reaktionsphase mit Angst und Leiden (sekundäre Psora). Weil dieser Zustand auf Dauer nicht angenehm ist, kompensiert er dies in einer nächsten Phase (tertiäre Psora) durch Überhebung (Egotrophie), Flucht (Egolyse) oder Angriff (Alterolyse).

Dieses Geschehen lässt sich in den Symptomen jedes hinreichend geprüften Mittels nachvollziehen. Es gibt bei Masi also keine "psorischen", "sykotischen" oder "syphilitischen" Mittel mehr, wohl aber entsprechende Phasen innerhalb einer jeden Symptomensammlung. Diese dynamische Entwicklung wird in den folgenden Abschnitten näher erläutert.

Sekundäre Psora

In diesem Kapitel werden diejenigen Symptome gesammelt, welche ein individuelles Leiden ausdrücken: Ängste, Trauer, schreckhafte Träume, furchterregende Phantasien usw. Dabei sind nicht diese allgemeinen psychischen Reaktionen wichtig, sondern deren Inhalte. So finden wir z.B. bei Carbo animalis das Symptom "Kleinmüthig mit trauriger Stimmung; Alles kommt ihr so einsam und traurig vor, dass sie weinen möchte". In dieser Aussage ist für uns also nicht die traurige Stimmung von Belang, sondern der Auslöser, nämlich das Einsamkeitsgefühl.

Später werden aus den gesammelten Leidensmomenten einer Arznei Rückschlüsse gezogen auf deren Wesenskern. Bei der Überarbeitung von Patientengeschichten ist das Vorgehen identisch.

Ein wesentliches Merkmal der sekundären Psora ist die Flexibilität, über die der Mensch verfügt. Er ist in dieser Phase noch fähig, seinem Leiden zu begegnen. Er kann z.b. vorübergehend eine Kompensationshaltung der tertiären Psora einnehmen, um eine kritische Situation zu bewältigen. Als Beispiel stelle man sich jemanden vor, der eine öffentliche Rede halten muss und sich davor fürchtet. Als reaktionsfähiger Mensch kann er sich selber gut zureden, also sein Ego stärken bis es stärker ist als die Angst (egotrophe Reaktion), oder er zieht sich vor der Herausforderung zurück und sagt den Vortrag ab (egolytische Reaktion).

Tertiäre Psora

Um nicht ein Leben in Angst und Schrecken, respektive im Leidenszustand der sekundären Psora zubringen zu müssen, entwickelt jeder Mensch verschiedene Kompensationsmechanismen. So lange es möglich ist, zwischen den verschiedenen Haltungen zu flottieren, nehmen wir eine gesunde psychische Reaktionsfähigkeit an. So ist es im alltäglichen Leben sinnvoll, mal Angst zu haben und ein andermal eine egotrophe Haltung einzunehmen, um eine gefährliche Situation zu bewältigen. Auf ein trauriges Ereignis ist es angemessen, mit Niedergeschlagenheit zu reagieren. Wenn sich aber eine der Kompensations-Strategien verfestigt und die betreffende Person in einer bestimmten Haltung verharrt, sprechen wir von "tertiärer Psora". Diese umfasst die drei folgenden Möglichkeiten:

Egotrophie

Die Hypertrophie, "Sykotisierung"des Ego: Der Mensch versucht, sein individuelles Leiden zu verdrängen, indem er es zu seiner persönlichen Lebensphilosophie, einer Art Vollkommenheitsvorstellung erhebt. Gerade dort, wo seine grösste Empfindlichkeit liegt, entwickelt er die höchsten Ansprüche. Er will wie der "Kleine Häwelmann" in der Kindergeschichte von Theodor Storm "mehr, mehr" von einem bestimmten Bereich seines Lebens (s. Anmerkungen am Ende des Einführungskapitels). Wir sollten darauf achten, diese Haltung nicht als moralisch verwerflich zu beurteilen, wie es einer alten christlichen oder einer neueren esoterischen Denkweise vielleicht entsprechen würde.

Eine andere Form der Egotrophie ist die Kompensation des Verlusterlebens (dieses wird im Kapitel "Primäre Psora" genauer beschrieben). Der Mensch sagt sich hier, dass es gar keine Unzulänglichkeit gibt, er schaltet sein Leiden aus, indem er es leugnet oder nicht zur Kenntnis nimmt. Die Lafontain’sche Fabel vom Fuchs und den Weintrauben illustriert diese Haltung trefflich.

In den ersten Bänden der "Materia Medica Homoeopathica - revidiert nach Dr. Alfonso Masi-Elizalde" wurden die tertiärpsorischen Kapitel noch unterteilt in eine Auflistung der "egotrophe Symptome" und ins daraus "abgeleitete Bild". Dieses umreisst, wie wir uns einen Patienten in der heutigen Praxis vorstellen können. In der Nachfolge-Publikation "Revidierte Materia Medica" wurden diese beiden Textelemente jeweils miteinander verflochten.

Egolyse

Eine weitere Kompensationsform des menschlichen Leidens ist Flucht oder Rückzug. In der syphilitischen Lysis begegnen wir einer "Auflösung des Ego", d.h. Symptomen wie Depression, tiefsitzender Resignation und letztendlich dem Suizid. Zeigen sich in den Phasen von sekundärer Psora und Egotrophie noch bunte, individuelle Symptome, wird das Mittelbild hier immer düsterer, einheitlicher und schwerer unterscheidbar. Die Verordnung einer individuell passenden Arznei wird um so schwieriger, je mehr ein Patient bereits in dieser Phase festgefahren ist.

In den ersten Bänden der "Materia Medica Homoeopathica - revidiert nach Dr. Alfonso Masi-Elizalde" wurden die tertiärpsorischen Kapitel noch unterteilt in eine Auflistung der "egolytischen Symptome" und ins daraus "abgeleitete Bild". Dieses umreisst, wie wir uns einen Patienten in der heutigen Praxis vorstellen können. In der Nachfolge-Publikation "Revidierte Materia Medica" wurden diese beiden Textelemente jeweils miteinander verflochten.

Alterolyse

In der dritten Variante der tertiären Psora geht der Mensch dazu über, die Verantwortung für sein Leiden der Mitwelt zuzuschieben. Er wird aggressiv, schimpft, prügelt und kann so weit gehen, seine Probleme erledigen zu wollen, indem er ein Stück Aussenwelt zerstört.

In den ersten Bänden der "Materia Medica Homoeopathica - revidiert nach Dr. Alfonso Masi-Elizalde" wurden die tertiärpsorischen Kapitel noch unterteilt in eine Auflistung der "alterolytische Symptome" und ins daraus "abgeleitete Bild". Dieses umreisst, wie wir uns einen Patienten in der heutigen Praxis vorstellen können. In der Nachfolge-Publikation "Revidierte Materia Medica" wurden diese beiden Textelemente jeweils miteinander verflochten.

Bewusster Umgang mit der Grundproblematik

Im Laufe unserer Arbeit wurde uns bewusst, dass nicht alle Erscheinungsformen eines Arzneimittels abgedeckt sind, wenn man nur die pathologischen Verhaltensweisen beschreibt.

Wir versuchen uns also seit der Publikation der "Revidierten Materia Medica" bei jedem Mittelbild vorzustellen, wie ein Mensch aussehen könnte, der sich seiner Psora so weit als möglich bewusst geworden ist und einen kreativen Umgang damit gefunden hat — „zu dem höhern Zwecke unsers Daseins“ wie Hahnemann im „Organon“ schreibt.

Die Nuancierung zur Egotrophie hin ist dabei manchmal hauchdünn. Der Leser sei durchaus zur eigenen Beobachtung und Reflexion eingeladen.

Interpretation von Themen oder Symptomen

In diesem Kapitel werden alle bildhaften, inhaltsreichen Symptome durchgekämmt und darauf hin überprüft, ob sie sich im Licht der Hypothese erklären lassen. Dies dient auch der Kontrolle, ob nicht ein wesentlicher Aspekt vernachlässigt, "zurechtgebogen" oder falsch verstanden wurde. Oft ergeben sich höchst interessante Zusammenhänge zwischen der Hypothese einerseits und Mythologie, Symbolik, Etymologie, Philosophie, Märchen usw. andererseits.

Differentialdiagnose

Die Differentialdiagnose wird aufgrund des "roten Fadens" in der erarbeiteten Hypothese erstellt. Zwei Mittel mit ähnlichen Leitmotiven werden aufgrund der Nuancen in ihrer Grundproblematik unterschieden. Liegen diese nahe beieinander, grenzen sich die Mittel oft durch die klinischen Schlüsselsymptome voneinander ab.

Themenliste

Der erste Schritt in der Revision eines Arzneimittels besteht in der Erstellung einer so genannten Themenliste. Dazu wird ein Teil der Prüfungssymptome nach bestimmten Kriterien geordnet. Wir stützen uns dabei vorwiegend auf die Originalsymptome aus den Materiae Medicae von Stapf, Hartlaub & Trinks, Hahnemann, Allen, Hering, sowie auf moderne Prüfungsberichte (vgl. die jeweiligen Quellen-Angaben). Die Symptome werden wörtlich und in der originalen Schreibweise zitiert, da Übersetzungen oder die Übertragung in die Repertoriumssprache eine reiche Fehlerquelle darstellen. Die Symptombeispiele in den folgenden Abschnitten stammen aus dem Kapitel Carbo animalis.

Welche Symptome werden in einer Themenliste berücksichtigt?

1. Sämtliche Mind-Symptome Beispiel: „Die Gegenstände auf der Strasse scheinen ihm verändert, z.B. weiter auseinander und heller, als gewöhnlich, wie in einer leeren, verlassenen Stadt“. Allgemeine psychische Reaktionen wie Trauer, Furcht, Zorn oder Freude können in einem Thema zusammengefasst werden, (vgl. Nr. 7 „Traurig, verzweifelt, deprimiert“ oder Nr. 15 „Lustig“), wenn sich eine Empfindung oft wiederholt und damit etwas von der Stimmung eines Mittels zum Ausdruck bringt. Für die Hypothesenbildung sind diese Themen aber von geringem Interesse. Entscheidend sind vielmehr die Inhalte der Symptome, z.B. „Er fühlt sich, früh, wie verlassen, und voll Heimweh“, oder „nicht zu vertreibende grämliche Gedanken und Unmut über Gegenwärtiges und Vergangenes, bis zum Weinen“.

2. Alle Trauminhalte oder Wahnideen Beispiel: „Lebhafte Träume über wissenschaftliche Gegenstände".

3. Körpersymptome, die mit einem Mind-Anteil „dotiert“ sind. Beispiel: „Zusammenschnürung der Brust, zum Ersticken, früh im Bette; sie glaubt zu sterben, bekommt vom Sprechen Stiche im Herzen, und bei Bewegung der Arme ein Gefühl, als ob das Herz und die Brust zerreissen wollte“. Siehe auch das ganze Thema 29, „Körpersymptome mit Ängstlichkeit“. Der Sexualität ist in dem Sinne ebenfalls immer ein eigenes Thema gewidmet.

4. Auffällige Körpersymptome, Lokalisationen und Modalitäten. Beispiele: „Zuckendes Reissen in der linken Hinterhauptsseite: es schiesst wie ein Blitz sehr schmerzhaft in verschiedener Richtung hin und her“ oder „Am Unterbauche, auf der rechten Seite, schmerzhafte Empfindung, als wolle sich da etwas durchquetschen“. Als Modalität fällt bei Carbo animalis z.B. die Frühverschlimmerung, Th 20, ins Auge.

5. Als-ob-Symptome Beispiele: "Beim Ergreifen von irgendetwas werden die Finger steif, als ob sie nicht genügend Kraft hätten" oder "bei Bewegung der Arme ein Gefühl, als ob das Herz und die Brust zerreissen wollte".

6. Allgemeine Schmerzqualitäten wie stechen, brennen, reissen, ziehen usw. werden oft nur als Auflistung der Symptomnummern aufgeführt, da ihre Bedeutung für die Hypothesenbildung meist gering ist.

Geordnet werden die Symptome nun nach thematischer Aussage, so dass unter einem einzelnen Thementitel Mind-Symptome, Träume, Als-ob-Empfindungen usw. zusammen-gefasst werden können. Vgl. Thema 8 "Will oder kann nicht sprechen".

Umgekehrt ist es möglich, dass ein einzelnes Symptom zwei oder mehr thematische Inhalte aufweist und daher in der Themenliste mehrfach auftaucht. So erscheint das Symptom "er fühlt sich früh wie verlassen, und voll Heimweh" einmal unter Thema 1 "Verlassenheit", einmal unter Thema 4 "Heimweh".

Ebenso tauchen am Ende eines Themas manchmal Quellenangaben mit zahlreichen Symptomnummern auf: Diese belegen den Umfang eines Themas, die entsprechenden Symptome sind bereits unter einem andern Thema aufgeführt, oder sie sind wenig speziell und lohnen nicht, im einzelnen zitiert zu werden. Vgl. Th 40, "Behinderte Sicht".

Schon das Durchlesen einer Themenliste kann hilfreich sein, wenn es darum geht, sich für eine Differentialdiagnose rasch einen umfassenden Überblick über die wesentlichen Inhalte eines Arzneimittels zu verschaffen.

Wenn man mehrere Themenlisten hintereinander durchblättert, wird man erkennen, dass einige allgemeine Lebensbereiche bei den meisten Arzneimitteln auftauchen: Arbeit, Beziehung zu anderen Menschen, der eigene Körper, Gesundheit, Krankheit, Tod, Intellekt, Lernen, usw. Damit die Nuance des einzelnen Arzneimittels herausgearbeitet werden kann, bedarf es also einer weiterführenden Fragestellung.

Transzendenter Wert

Auf der Suche nach einem vertieften Verständnis der Homöopathie befasste sich Masi-Elizalde mit verschiedenen philosophischen Texten, unter anderem mit den Schriften Thomas von Aquins. Er stellte dabei fest, dass sich im Gedankengut Hahnemanns aristotelische Anklänge finden, weshalb er sich vertieft mit Aristoteles und vor allem mit dessen mittelalterlichem Epigonen Thomas von Aquin auseinandersetzte. Gleichzeitig vertiefte Masi sein Arzneimittelstudium bis zu einem Punkt, an dem er einen absoluten Kern innerhalb eines Mittels postulierte. Begriffe wie Versöhnung, Liebe, Wissen, Erkenntnis, Körperlichkeit usw. bedurften jetzt aber eines Referenzsystems, damit sie in einem gleichbleibenden Kontext verstanden werden konnten. Masi benutzte in der Folge die "Summa Theologica" Thomas von Aquins als Grundlage seiner Mitteldefinitionen.

Der transzendente Wert beschreibt ein göttliches Attribut , wie es sich in der Lehre des Thomas von Aquin findet. Im Grunde ist es die Beschreibung einer menschlichen Eigenschaft, die zu ihrer Absolutheit gesteigert und damit Gott zugeschrieben wird. Der transzendente Wert ist das zentrale Thema des jeweiligen Arzneimittels in seiner absoluten Form und stellt die Metaebene zur psychischen Erlebnisweise dar. (Aus "Materia Medica Homoeopathica - revidiert nach Dr. Alfonso Masi-Elizalde", Kapitel "Elaps - Erarbeitung einer primärpsorischen Hypothese" von Stefan Preis)

In den Folgebänden "Revidierte Materia Medica" wurde auf die Reduktion der zentralen Idee eines Arzneimittels bis hin zum transzendenten Wert verzichtet. Zum einen zeigte sich, dass die Philosophie Thomas von Aquins sich nur begrenzt eignete, um heutige menschliche Daseinsbedingungen zu fassen. Zum anderen wurde den Autorinnen auch zunehmend bewusst, dass es in den Hypothesen immer nur um Umschreibungen und ausmalende Versuche gehen kann. Einer aufgrund der Prüfungssymptome spürbar gewordenen Grundthematik kann man sich sprachlich annähern, niemals aber den Kern einer Mittelidee als absolute Wahrheit darstellen.

Schuld – Sehnsucht – Rechtfertigung

Masi-Elizalde übernahm die von Hering und Kent in die Homöopathie eingeführte und heute noch tief verankerte Idee, dass einer Erkrankung irgendwo ein "Sündenfall", ein Schuldigwerden des Menschen zugrunde liege. Er verband diese "Ursünde" mit der Vollkommenheitsidee und der Ablehnung einer menschlichen Daseinsbedingung. Wir versuchten (wie in der Entwicklungsgeschichte näher erläutert), uns von diesen Moralbegriffen zu lösen und dank des postulierten "Knicks in der Optik" bildlicher darzustellen, dass offenbar jeder Mensch in seinem Blick auf die Welt irgendwelche Unvollkommenheiten aufweist, die sein Erleben prägen und beeinflussen.

Das Weglassen der Kerne "Sehnsucht" und "Rechtfertigung" wird ebenfalls in der Entwicklungsgeschichte erläutert.